Als Kinderphysiotherapeutin mit 35 Jahren klinischer Erfahrung war ich immer auf der Suche nach neuen Lösungen, um die Steh- und Gehfähigkeit von Kindern zu verbessern. Was ich schon immer sehr frustrierend fand: Es gab keine Gehhilfe für Kinder, mit der ein Gehtraining möglich ist, wie ich es mit den Kindern durchführe, indem ich sie mit meinen Händen abstütze. Also habe ich selbst angefangen zu forschen und konnte schließlich mit einem neuartigen Gerät diese Lücke schließen. Dieser Blogartikel enthält eine Zusammenfassung meines Vortrags auf der diesjährigen EACD-Konferenz in Paris.

Verbesserung des Gehpotenzials

Es ist nicht leicht, die Frage zu beantworten, welche Gehhilfe die beste ist. Es hängt immer vom Grad der motorischen Beeinträchtigung und dem diagnostizierten Potenzial ab, welche Gehfähigkeit mit oder ohne Unterstützung schließlich erreicht werden kann. Meine Forschungsarbeit konzentrierte sich auf Kinder mit infantiler Cerebralparese  mit GMFCS-Stufe I-III. Etwa 70 Prozent dieser Kinder entwickeln genug Kontrolle über ihre Motorik, um das Gehen zu erlernen. Wenn das Gangbild sich verschlechtert, verschlechtert sich jedoch auch die Gehfähigkeit im Laufe der Zeit. Etwa 50 Prozent dieser Kinder können deshalb im jugendlichen Alter oder als junge Erwachsene nicht mehr gehen.

Diese Patientengruppe leidet typischerweise unter einer schwachen  Motorikkontrolle und Muskelschwäche. Die Haltung beim Stehen und Gehen ist zumeist stark gebeugt. Die Folge können Knochenfehlbildungen, Muskelkontrakturen und ein ineffizientes und Energie raubendes Gangmuster sein, wenn dem nicht vor allem in der Phase des Wachstums und der Gewichtszunahme therapeutisch entgegengewirkt wird. Die Therapie stellt hohe Anforderungen, kann sich jedoch schließlich auf die Schwere der Behinderung auswirken. In der Rehabilitationstherapie werden häufig Hilfsmittel eingesetzt, und ich wollte wissen, welches Gerät für welche Art von Patient die besten Ergebnisse liefern würde.

In Zusammenarbeit mit der Universität Antwerpen in Belgien nahm ich eine Bestandsaufnahme der verschiedenen Gehhilfen vor, die auf dem Markt verfügbar waren. Die Ergebnisse waren entmutigend. Es gab insgesamt 44 Studien, zu einer Vielfalt von Geräten, die jedoch aufgrund des Studiendesigns, der geringen Anzahl von Studienteilnehmern und der Heterogenität der Studienpopulation  (Lebeer 2019)  kaum Evidenz lieferten. Es waren also in jeder Hinsicht weitere Untersuchungen für die Beurteilung der Gehtrainer und die Umsetzung von Neuerungen erforderlich.

Erfolgskriterien bei der Gangrehabilitation

Auch wenn es nicht viele Untersuchungen zu Hilfsmitteln gibt, wissen wir aus der Forschung, dass für den Erfolg der Maßnahme folgende Faktoren eine Rolle spielen:

  • ein frühes, intensives und aufgabenspezifisches Training
  • selbst initiierte, vielfältige Bewegungen​
  • Integration in die Umwelt des Kindes​
  • Spaß und Motivation​
  • Gewichtsverlagerung und Stehen auf einem Bein​
  • Die Förderung der Rumpfstabilität kann muskuläre Synergien fördern​

Meine Suche nach einer Gehhilfe für Kinder, die das Gehen in korrigierter Haltung bei guter Streckung von Hüften und Knien und maximaler Muskelaktivität des Kindes war jedoch leider nicht erfolgreich. Und wie frustrierend war es erst zu sehen, dass die Patienten ihr pathologisches Gangmuster wieder aufnahmen, sobald sie außerhalb der Therapie mit oder ohne Gehhilfe unterwegs waren. So kam ich schließlich auf den Gedanken, mich einer multidisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern an der Universität Leuven in Belgien anzuschließen, um in einer Machbarkeitsstudie ein neues Gerät vom Prototyp bis zum Endprodukt zu entwickeln. Das Ziel war in erster Linie herauszufinden, ob man eine bessere Ausrichtung, mehr Aktivität der Streckmuskeln in den unteren Extremitäten und eine Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere erreichen konnte, ohne dass das Kind sich dabei auf einen Sattel setzen oder abstützen musste. 

Technische Entwicklung eines neuen Hilfsmittels in der Praxis

Auf der Basis der Machbarkeitsstudie entwickelten wir den Hibbot, einen Gehtrainer mit variabler Unterstützung in sechs Freiheitsgraden der Bewegung. Diese Unterstützung wird durch ein Stützsystem für Unterkörper und Becken gewährleistet, das die manuelle Unterstützung durch den Physiotherapeuten beim Gehen nachempfindet. So wird die Oberkörper- und Kopfkontrolle erleichtert, während das Kind die Hände frei hat und an Aktivitäten im Alltag teilhaben kann. Dies ermöglicht ein intensives und kindgerechtes Training, das außerdem Spaß macht.

Als Studie ergaben sich genügend Erkenntnisse zur Anwendbarkeit und Wirkung, um eine eine laufende Studie zu strukturieren.

Neue Querschnittsstudie mit vielversprechenden Ergebnissen

Im Jahr 2018/2019 wurde eine Querschnittsstudie durchgeführt, bei der wir anhand der folgenden Parameter versuchten, das Gangmuster mit dem Hibbot mit dem zu vergleichen, das mit einem Kontrollgerät erzielt werden konnte:

  • Kinematik LL und Oberkörper​
  • temporospatiale Parameter​
  • Videoanalyse des Gangbilds
  • Bodenreaktionskraft

Die Ergebnisse sind zum Teil noch nicht offiziell, aber es wurde eine signifikant bessere Streckung von Hüfte und Knien beim Gehen mit dem Hibbot festgestellt.

Comparison of hip extention-Hibbot-Versus-Controle

Ich engagiere mich weiterhin in der evidenzbasierten Forschungsarbeit mit dem Hibbot, um ihn für die Förderung der kindlichen Entwicklung laufend weiter zu optimieren. Weitere Ergebnisse dieser interessanten Forschungstätigkeit werden wir in weiteren Artikeln veröffentlichen.

Nähere Informationen über den Hibbot erhalten Sie von mir auch persönlich, kontaktieren Sie mich also gern.

Literaturverzeichnis

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Activities for children who use walkers

Ria Cuppers – Kinderphysiotherapeutin - Sales Support

Ria Cuppers – Kinderphysiotherapeutin - Sales Support

Ria Cuppers bereichert das Team von Made for Movement um mehr als 35 Jahre Erfahrung aus der klinischen Praxis. Als engagierte Physiotherapeutin für Kinder hat sie eine Mission: die motorischen Fähigkeiten jedes Kindes individuell so zu verbessern, dass es aktiv sein und am Leben teilhaben kann. Besonders interessiert sie sich für evidenzbasierte Methoden und den Einsatz von Hilfsmitteln aus der Perspektive der Kinderreha, um die Entwicklung der Kinder optimal zu fördern. Ria hat den Hibbot entwickelt, eine neuartige und einzigartige Gehhilfe für Kinder.