Menschen mit Bewegungseinschränkungen haben häufig eine geringere Knochenmineraldichte und ein höheres Osteoporoserisiko als Menschen ohne Behinderungen. Bei niedriger Knochenmineraldichte kann es auch ohne traumatische Einwirkung leicht zu Frakturen kommen. Warum haben Menschen mit körperlichen Behinderungen eine geringere Knochenmineraldichte, und was kann man tun, um das Frakturrisiko zu verringern?

  1. Wie wird die Knochenminderaldichte gemessen?
  2. Was verursacht eine niedrige Knochenmineraldichte?
  3. Was können die Folgen einer geringen Knochenmineraldichte sein?
  4. Was können wir tun?

Wie wird die Knochenminderaldichte gemessen?

Die Knochenmineraldichte (oder Knochendichte, auf Englisch bezeichnet als Bone Mineral Density, BMD) wird meistens mittels DualEnergy-X-Ray-Absorption (DEXA) erfasst. Dabei wird der Knochenmineralgehalt pro Einheit einer Körperfläche gemessen, z. B. am distalen Oberschenkel oder im ganzen Körper. Bei Kindern werden die Ergebnisse bezogen auf alters-, geschlechts- und größenangepasste Referenzwerte gemessen. Die Knochenmineraldichte wird definiert als Z-Score, wobei ein Wert von mindestens 2,0 als normal gilt. Bei Erwachsenen wird der BMD-Wert als T-Score gemessen. Bei Kindern mit Zerebralparese werden die zuverlässigsten Werte bei DEXA-Messungen am distalen Oberschenkel erzielt, da es hier am häufigsten zu Frakturen kommt (Henderson et al., 1995).

Was verursacht eine niedrige Knochenmineraldichte?

Es ist allgemein anerkannt, dass Menschen mit Bewegungseinschränkungen z. B. durch Zerebralparese einem höheren Risiko für eine niedrige Knochenmineraldichte ausgesetzt sind als gesunde Menschen. Es ist zudem nachgewiesen, dass die Knochenminderaldichte unter anderem von folgenden Faktoren beeinflusst wird:

  • Grobmotorische Funktion (Gross Motor Function)
  • Behandlung mit Antikonvulsiva
  • Ernährung 
  • Kalziumzufuhr
  • Vitamin D

Grobmotorische Funktion
Bei Menschen mit Zerebralparese dient die „Gross Motor Function“ als Anhaltspunkt für die Prognose einer geringen Knochenmineraldichte. Stärker betroffene Gruppen (GMFCS-Stufe IV-V) weisen 5,7 Mal häufiger eine geringe Knochenmineraldichte auf als Kinder mit niedrigerer GMFCS-Stufe (I-III). Es wird davon ausgegangen, dass bei Menschen mit stark eingeschränkter Bewegungsfähigkeit die Knochenmineraldichte geringer ist, weil sie sich weniger bewegen und ihr Körper nicht mit dem eigenen Gewicht belastet wird. Dafür spricht auch das Ergebnis einer Studie, die ergab, dass Kinder mit GMFCS II eine signifikant geringere Knochenmineraldichte haben als Kinder mit GMFCS I (Finbråten et al. 2014).

Behandlung mit Antikonvulsiva
Eine langfristige Behandlung mit Antikonvulsiva beeinflusst den Kalzium- und Knochenstoffwechsel, und es gibt überzeugende Belege dafür, dass Epilepsie und die Anwendung von Antikonvulsiva signifikant mit niedrigen Z-Scores assoziiert sind.

Ernährung - Kalzium - Vitamin D
Viele Menschen mit Zerebralparese haben Ernährungsprobleme und nehmen nicht ausreichend Kalzium und Vitamin D zu sich. Kalzium und Vitamin D sind jedoch wichtige Nährstoffe, die der Körper für den Aufbau von starken und gesunden Knochen braucht. Kalzium wird in Knochen und Zähnen gespeichert, und Vitamin D ist wichtig für die Kalziumaufnahme. Der Körper kann mit Hilfe von Sonnenlicht Vitamin D herstellen. Menschen mit Behinderungen verbringen häufig jedoch nur wenig Zeit im Freien und brauchen deshalb wahrscheinlich Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel.

Was können die Folgen einer geringen Knochenmineraldichte sein?

Bei bis zu 77 % der Kinder und Jugendlichen mit CP liegt eine niedrige Knochenmineraldichte vor, und fast 20 % der nicht gehfähigen Kinder und Erwachsenen erleiden im Laufe ihres Lebens eine Oberschenkelfraktur. Bei Kindern mit Zerebralparese beträgt die jährliche Frakturrate mit 5 % etwa doppelt so viel wie bei Kindern, die sich normal entwickeln. Bei 73 % der Frakturen lag kein dokumentiertes Trauma vor (Trinh et al 2015; Han et al., 2016).

Da sich die Lebenserwartung mit Zerebralparese immer weiter verbessert, die Knochenmasse aber mit dem Alter abnimmt, ist es wichtig, sich rechtzeitig mit dem Thema Knochenmineraldichte und Frakturrisiko zu befassen. Über ein Drittel der gehfähigen Kinder mit Zerebralparese verliert im frühen Erwachsenenalter die Gehfähigkeit, sodass auch für sie ein solches Risiko besteht.

Weiterlesen: Warum ein 24-Stunden-Lagerungsmanagement so wichtig ist

Was können wir tun?

Die American Academy for Cerebral Palsy and Developmental Medicine (AACPDM) hat eine Präventionsstrategie für Kinder und Jugendliche mit Zerebralparese entwickelt, die drei Schwerpunkte umfasst:

  • Ernährung und Kalzium (Ca)
  • Vitamin-D-Supplementierung
  • Gewichtsübernahme

Der Fokus sollte auf der Wachstumskurve des Kindes liegen, wobei besonders auf Gewichtsabnahmen geachtet werden muss. Eine Gewichtsreduktion sollte vermieden werden, da sie das Risiko einer niedrigen Knochenmineraldichte erhöht. Manche Familien können von einer Ernährungsberatung profitieren, bei der die tägliche Kalziumzufuhr ermittelt wird und Empfehlungen für eine kalziumreiche Ernährung gegeben werden. Gute Kalziumquellen sind zum Beispiel Milch, Orangensaft, Käse, Fisch, Bohnen, Brokkoli, Feigen und Mandeln. AACPDM hat eine Übersicht dazu erstellt, wie viel Kalzium und Vitamin D Kinder unterschiedlichen Alters benötigen.  

Eine Vitamin-D-Supplementierung ist häufig angezeigt, weil die Ernährung nicht optimal ist und/oder die Kinder zu wenig Sonnenlicht erhalten. Es wird empfohlen, den Vitamin-D-Spiegel vor Beginn der Supplementierung zu überprüfen und dann regelmäßig zu kontrollieren. 

Gewichtsübernahme wird bei Zerebralparese immer empfohlen und sollte durch Stehen, Gehen, Laufen und allgemeine körperliche Aktivität erreicht werden. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die nicht gehfähig sind, sollten über Hilfsmittel verfügen, damit sie unter Gewichtsübernahme stehen und/oder gehen können. Die mechanische Belastung durch Muskelspannung und Gewichtsübernahme spielt für den Aufbau und Erhalt der Knochenmineraldichte eine wichtige Rolle.

Wir weisen an dieser Stelle jedoch darauf hin, dass der Nachweis für die Verbesserung der Knochenmineraldichte durch Gewichtsübernahme nicht eindeutig erbracht ist. Die vorliegenden Studien haben nur wenige Teilnehmer und sind zu heterogen, um eine Schlussfolgerung im Hinblick auf die Wirksamkeit zu ziehen. Die gegenwärtige Empfehlung lautet jedoch, an fünf Tagen in der Woche jeden Tag 60 bis 90 Minuten im Stehen zu verbringen, um die Knochenmineraldichte positiv zu beeinflussen.

In der Regel beginnen Kinder im Alter von 9 bis 10 Monaten mit den ersten Stehversuchen und machen mit rund 12 Monaten die ersten Schritte. Deshalb sollten auch Kinder mit Bewegungseinschränkungen in diesem Alter die Möglichkeit erhalten, mit Hilfsmitteln das Stehen und Gehen zu üben. Als Therapeut haben Sie die wichtige Aufgabe, ein geeignetes Steh- und/oder Gehgerät zu finden, das den Bedürfnissen des Kindes und der Familie gerecht wird. Unterstützen Sie die Familie außerdem dabei, sinnvolle Aktivitäten zu finden, mit denen sich das Steh-/Gehtraining verbinden lässt. Die im Stehen verbrachte Zeit sinnvoll in den Familienalltag zu integrieren, trägt viel dazu bei, dass das Training als angenehm und sinnvoll empfunden wird. 

Weiterlesen:Statisches oder dynamisches Stehen? Neue Studie zeigt interessante Daten

Gratis-Poster Aktives Stehen

Rikke Damkjær Moen - Physiotherapeutin – Medical Manager

Rikke Damkjær Moen - Physiotherapeutin – Medical Manager

Rikke Damkjær Moen bereichert das Made for Movement Team mit vielen Jahren Erfahrung als klinische Physiotherapeutin. Es ist ihre Mission, dafür zu sorgen, dass auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Möglichkeit erhalten, Freude und Gesundheit durch körperliche Aktivität zu erfahren. Als Medical Manager gibt Rikke Damkjær Moen ihr Wissen über die Lösungen von Made vor Movement gern weiter, damit Menschen mit besonderen Bedürfnissen, ihre Familien und Behandler die Möglichkeiten kennenlernen.