Manche Kinder mit Zerebralparese können nicht allein stehen und gehen. Deshalb kennt fast jedes Kind mit Zerebralparese Geh- und Stehhilfen. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt zum Stehen, und warum ist es überhaupt wichtig? Wie häufig und wie lange sollte das Stehen trainiert werden? Welche Geräte sind dafür geeignet?

Ein Kleinkind kann normalerweise mit 6 bis 8 Monaten stehen, wenn man es festhält. Bis zum 12. Monat wird sich das Kind selbst in den Stand hochziehen können. Ab einem Alter von 12 Monaten wird es lernen, auch ohne fremde Unterstützung zu stehen und zu laufen. Diese Phasen durchläuft ein Kind, wenn es anfängt, seine Welt zu entdecken. Sie sind für die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten, des Sozialverhaltens und der Kommunikationsfähigkeit von großer Bedeutung, die mitbestimmen, wie unabhängig das Kind später sein kann.
 
Bei Kindern mit Zerebralparese ist die motorische Entwicklung verzögert. Manche werden nie ohne fremde Hilfe sitzen, stehen und gehen können.

Glücklicherweise gibt es ein großes Angebot an Hilfsmitteln, um das motorische Defizit der Kinder auszugleichen. Sie bieten Erleichterung im Alltag, ermöglichen mehr Teilhabe und erlauben dem Kind, die Welt zu entdecken. Außerdem können sekundäre Komplikationen aufgrund der neurologischen Funktionsstörung verhindert oder abgemildert werden.

Evidenzbasierte Empfehlungen für ein Stehtraining

Ich habe mich mit der aktuellen Forschung beschäftigt, um mehr darüber zu erfahren, welche Empfehlungen es gibt und wie ein Kind von einem Stehtraining profitieren kann. Im Jahr 2013 verfassten Paleg et al. eine systematische Studie über die Dosierungsempfehlung für unterstütztes Stehen. Allgemein lässt sich sagen, dass es bisher nur wenige belegte Ergebnisse zu diesem Thema gibt und noch weiterer Forschungsbedarf besteht, um auf die Wirkungsweise des unterstützten Stehens schließen zu können. Trotzdem lieferte die Studie einige wesentliche Erkenntnisse.

Die Knochendichte scheint von einem Stehtraining an 5 bis 7 Tagen in der Woche für jeweils 60 Minuten positiv beeinflusst zu werden. Einige Studien an Tieren haben gezeigt, dass kürzere Einheiten von je zehn bis fünfzehn Minuten sich ebenso positiv oder sogar noch günstiger auswirken als ein zusammenhängendes Training von 60 Minuten. Dies weist umgekehrt darauf hin, dass Kinder, die nicht stehen, eine geringere Knochendichte haben können. Auch die Ernährung, die Vitaminversorgung und bestimmte Medikamente können sich auf die Knochendichte und die körperliche Aktivität auswirken.

Der Bewegungsradius wird durch das Stehen positiv beeinflusst. Dies betrifft vor allem die Knie- und Hüftgelenke, aber auch die Fußgelenke. Um eine Auswirkung auf den Bewegungsradius zu erreichen, sind mindestens 45 bis 60 Minuten Stehtraining pro Tag erforderlich. Es wird empfohlen, schon im Alter von 9 bis 10 Monaten mit dem Stehtraining anzufangen.

Die Spastizität in den unteren Extremitäten scheint im Stehen nachzulassen. Dieser Zustand hält noch 35 Minuten nach dem Stehtraining an. Die Studie empfiehlt, dass Kinder mindestens 30 bis 45 Minuten stehen sollten, um den Muskeltonus zu senken.

Zusätzlich zu den genannten positiven Wirkungen des Stehtrainings gibt es außerdem Hinweise auf Verbesserungen im Hinblick auf

    •    Verdauungssystem

    •    Atmung und Blutkreislauf

    •    Muskelkraft 

    •    Kognitive Fähigkeiten 

    •    Hautstoffwechsel

Was ist mit körperlicher Aktivität?

Es ist bekannt, dass Menschen mit Zerebralparese im Vergleich zu Menschen ohne Behinderungen körperlich nicht sehr aktiv sind. Dies führt zu weiteren Komplikationen, die aufgrund des passiven Lebensstils auftreten können. Tatsächlich wurde herausgefunden, dass Kinder und Erwachsene mit Zerebralparese 76 bis 99 Prozent ihrer Wachzeit im Sitzen verbringen. Weniger als 18 % von ihnen üben auch nur eine leichte körperliche Aktivität aus.  Eine Studie aus den Niederlanden ergab, dass Kinder mit Zerebralparese in stehender unterstützter Haltung einen höheren Stoffwechselumsatz mit MET-Werten von über 1,5 haben. Das bedeutet, dass die aufrechte Haltung als leichte körperliche Aktivität zur Reduzierung des dauerhaften Sitzens gewertet werden kann.

Eine Pilotstudie aus Schweden bestätigt diese Forschungsergebnisse sowohl für das statische als auch für das dynamische Stehen (in dieser Studie wurde der Innowalk eingesetzt). Das Stehen leistet einen Beitrag dazu, das dauerhafte Sitzen zu unterbrechen und das Aktivitätsniveau zu steigern. Dies kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken.


Mehr erfahren: Was wissen wir über körperliche Aktivität und Zerebralparese?

Stehen ist gesund!

Untersuchungen haben ergeben, dass das Stehen den gesamten Gesundheitszustand positiv beeinflussen kann. Zusammenfassung:

    •    Fangen Sie früh an!
    •    Stehen Sie häufig! Mindestens fünfmal pro Woche.
    •    Die empfohlene tägliche Trainingszeit (mindestens 60 Minuten) kann auch im Laufe des Tages angesammelt werden.

Den richtigen Bewegungstrainer wählen

Die Erfolgsaussichten mit der gewählten Therapiemaßnahme müssen für den Behandler so gut wie möglich durch Forschungsergebnisse und eigene klinische Erfahrungen belegt sein. Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Bedürfnisse jeder Familie und jedes Kindes unterschiedlich sind. Das heißt, dass für eine optimal angepasste Therapie jeder Fall laufend individuell bewertet werden muss.

Dies ist auch bei der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Stehhilfe oder Gehhilfe für ein Kind zu berücksichtigen. Es gibt eine Vielzahl von Geräten auf dem Markt. Das richtige Gerät für die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes zu finden und dabei seine körperliche Funktionalität und Struktur, sein Bedürfnis nach Aktivität und Teilhabe und seine Umweltfaktoren zu berücksichtigen, ist unsere Aufgabe.

Manchmal muss man verschiedene Geräte testen, denn „die eine“ Standardlösung für alle Kinder gibt es nicht.

Eine aktuelle vergleichende Untersuchung zum statischen und dynamischen Stehen weist darauf hin, dass ein dynamischer Ansatz sich besonders positiv auswirkt auf:

  • Die Atmung
  • Die Temperatur der unteren Extremitäten 

  • Den Bewegungsradius der Hüfte

  • Den Muskeltonus in der Hüfte
  • Die Lebensqualität
Die Studie wird demnächst veröffentlicht und vorgestellt.

Gratis-Poster Aktives Stehen

Rikke Damkjær Moen - Physiotherapeutin – Medical Manager

Rikke Damkjær Moen - Physiotherapeutin – Medical Manager

Rikke Damkjær Moen bereichert das Made for Movement Team mit vielen Jahren Erfahrung als klinische Physiotherapeutin. Es ist ihre Mission, dafür zu sorgen, dass auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Möglichkeit erhalten, Freude und Gesundheit durch körperliche Aktivität zu erfahren. Als Medical Manager gibt Rikke Damkjær Moen ihr Wissen über die Lösungen von Made vor Movement gern weiter, damit Menschen mit besonderen Bedürfnissen, ihre Familien und Behandler die Möglichkeiten kennenlernen.